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Dr. Gunther Schmidt

Liebe Kolleginnen und Kollegen und weiteren Interessierten,

vom 28. - 31. Oktober 2027 gestalten wir wieder in Würzburg (mit einem Vorkongresse am 27. Oktober 2027), dieses Mal als Doppel-Kongress zum nun 6. Mal den Kongress Reden reicht nicht!? 6. Akt und Mentales Stärken.

Die bisherigen 5 Kongresse waren derart erfolgreich und die Feedbacks der TeilnehmerInnen dazu so zufrieden, ja sehr oft begeistert, dass wir uns mit Freude entschlossen haben, ihn 2027 gleich wieder zu veranstalten.

Als wir 2012 zum ersten Mal dieses Kongress-Format angeboten haben, stand es hauptsächlich unter dem Motto „bifokal-multisensorische Techniken“. Inzwischen hat sich die Fülle des Programms aber weit darüber hinaus entwickelt – wenn schon, müssten wir das eher als „polyfokal-multisensorisch“ beschreiben. Das aus meiner Sicht besonders Wertvolle daran war und ist, dass wir damit immer wieder ein Forum schaffen wollen für die wunderbar vielfältige (also auch hier sehr diverse) Landschaft der Psychotherapie, Beratung, Pädagogik, Team- und Organisationsentwicklung, Supervision und auch in der Gesellschaft.

Und – was kein Wunder ist in unserer „Beschleunigungsgesellschaft“ – es haben sich auch in den letzten Jahren wieder weitere wichtige Themen- und Aufgabenbereiche entwickelt, die wir für aktuell sehr bedeutsam halten und deren Herausforderungen, Fragen und Aufgaben wir uns mit und bei diesem Kongress wieder stellen wollen.

Durch die beeindruckenden Ergebnisse der modernen Hirnforschung und mit ihr verwandter Bereiche dürfte inzwischen ja wissenschaftlich eindeutig klar sein, dass niemand die objektive Wahrheit erkennen kann, wir uns also immer alle nur mit Entwürfen, Hypothesen bildenden Konzepten und Wirklichkeits-Konstruktionen beschäftigen können. „Richtig“ heißt für mich deshalb nie „wahr“, sondern nur „eine Richtung wählend“. Die hat natürlich Wirkung, kann also nur eine „wirksame Wirklichkeits-Konstruktion“ sein. Konzepte wie „normal“ oder „pathologisch“ können dann selbstverständlich auch nur von bestimmten Menschen(-Gruppen) gebildete fiktive Maßstäbe sein.

Leider werden sie aber in unserer Gesellschaft sogar zunehmend mehr genutzt als normative Macht-Strategien, um eigene gewählte Konstruktionen durchzusetzen, wofür allerdings alle, die diesen Vorgaben nicht entsprechen, der Gefahr der Ausgrenzung, Abwertung und Benachteiligung, oft sogar der Unterdrückung ausgesetzt sind. Dies zeigt sich auch in den (mir viel Sorge bereitenden) Entwicklung im politischen Raum, in dem mit Feindbildern, Angstmacherei und massiver Diffamierung viele Prozesse verstärkt genutzt werden, die unsere so wertvolle Demokratie sehr bedrohen.

Da sind wir alle aufgerufen und gefordert, Stellung zu beziehen und uns engagiert einzusetzen für eine pluralistische Gesellschaft mit wechselseitiger Achtung bei bleibender Unterschiedlichkeit und wertschätzender Neugier auf die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen, um bereichernd voneinander lernen zu können.

Genau dafür auch wollen wir den Kongress „Reden reicht nicht und Mentale(s) Stärken“ wieder mit Euch zusammen machen. Dem soll auch das bewusst von uns so gewählte zusätzliche Motto dienen: „Sucht & Erfüllung – Konsum, Sucht und Diversität als radikale Formen der Selbstgestaltung? Die tragische Paradoxie von Konsum als Lösungsversuch“.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich z.B. auch mit dem Bereich der Sucht-Therapie und der gesamten kontextuellen Dynamik (bis zu gesellschaftlichen Phänomenen) darum herum. So hatte ich auch die Gelegenheit, über mehr als 15 Jahre in spezifisch dafür von mir entwickelten hypnosystemischen Curricula hunderte von Sucht-TherapeutInnen und BeraterInnen im Auftrag der großen deutschen Verbände für „Suchtkranken-Hilfe“ usw. auszubilden.

Noch immer wird im Mainstream dieser Arbeit dort Sucht immer als „Krankheit“ definiert, meist auch mit dem Gebot völliger Abstinenz vom jeweiligen Suchtmittel, auch wenn es sehr zahlreiche Belege dafür gibt, dass auch in Maßen sehr konstruktiv gelebter Genuss der „Suchtmittel“ durchaus sehr gute Ergebnisse zeitigen kann. Und selbst intensiver Konsum von was auch immer wird nicht selten schnell als „krank“, „gestört“ usw. abgewertet und pathologisiert, und Lebensformen, die nicht der Mehrheit entsprechen, werden entsprechend pathologisiert.

Genau solche Beobachtungen haben uns dazu gebracht, dass wir ein umfassendes Forum mit dem Kongress schaffen, in dem wir mit allen Sinnen (also polyfokal-multisensorisch) dafür werben wollen, die jeweils einzigartigen Lebensentwürfe von einzigartigen Menschen mit einzigartigen Biographien und einzigartigen Kontextbedingungen achtungsvoll und auch wissenschaftlich und praktisch neugierig in ihrem relevanten (von den Menschen selbst so erlebten) Sinnzusammenhang (Kontext) zu betrachten. Denn damit wird meist sehr schnell deutlich, dass alle diese Entwürfe verstehbar und auch nutzbar werden als Lösungsversuche, die aus der Weltsicht der Beteiligten als sinnhaft verstanden und genutzt werden können, wenn sie auch manchmal mit einem mehr oder weniger hohen Preis einhergehen.

Wertet man sie ab, pathologisiert man sie, kann nicht mehr verstanden werden, für welche wertvollen menschlichen Bedürfnisse sie bisher eingesetzt wurden, selbst wenn sie dabei „entgleist“ sein sollten. Dann aber kann tragischerweise nicht mehr oder nur sehr unzulänglich für deren gesunde Erfüllung gesorgt werden. Nicht umsonst wird oft darauf hingewiesen „hinter jeder Sucht steht eine Sehnsucht“, die erfüllt werden will. Und genau das gilt auch für Menschen, die in Konsum von was auch immer „flüchten“ und besonders auch für Menschen, die als Minderheit in unserer Gesellschaft leben oder so definiert und behandelt werden. Wir wollen unsere engagierten Beiträge dafür leisten, dass auch bei ihnen die vielfältigen Kompetenzen, wertvollen Ressourcen von uns und auch von ihnen selbst gesehen und so geachtet werden, dass wir miteinander in bereichernde wechselseitige Lern-Begegnungen kommen können und dies nutzen können, bis hin zur Stärkung unseres demokratischen Zusammenlebens.

Dies wollen wir auch unterstützen dadurch, dass wir wieder viele, auch sehr unterschiedliche Konzepte von Körpertherapie, Embodiment, systemischen und hypnosystemischen, hypnotherapeutischen, PEP und vielen weiteren Konzepten bis zu Musik- und Tanz-orientierten Konzepten zusammenbringen und Euch die Gelegenheiten bieten wollen, davon zu profitieren, zusätzlich auch von entsprechenden Angeboten im Vorkongress. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir Euch dabei begrüßen und mit Euch in Würzburg in einen intensiven Austausch kommen könnten.

Herzliche Grüße  Gunther Schmidt, Milton-Erickson-Institut Heidelberg